ZUR EINGEWÖHNUNG

… nach dem Berliner Eingewöhnungsmodell

Zeit nehmen und Raum geben

Die Gestaltung des Übergangs zwischen Familie und Betreuungseinrichtung ist die gemeinsame Aufgabe von allen Beteiligten, nämlich von Eltern, PädagogIn und Kind. Klare Vereinbarungen und Verlässlichkeit sind wichtig und hilfreich.
Jedes Kind reagiert unterschiedlich auf ungewohnte Situationen. Das eine Kind braucht weniger, das andere Kind mehr Zeit, um sich in den neuen Räumen und unter vorerst unbekannten Kindern und Erwachsenen wohl zu fühlen. Deshalb sollten Sie sich darauf einstellen, dass es von Ihrem Kind abhängt, wie lange Sie es zur Eingewöhnung in den Kindergarten begleiten werden. Stellen Sie sich auf circa ein Monat ein. Nach Möglichkeit sollte Ihr Kind immer von der gleichen Person begleitet werden.

Vertrauen schaffen / Beziehung aufbauen

Für Ihr Kind sind Sie als Eltern, Mutter oder Vater die wichtigsten Bezugspersonen. Ein wichtiger Aspekt der behutsamen und einfühlsamen Eingewöhnung ist nun der Aufbau einer tragfähigen Beziehung zum/zur PädagogIn und/oder zum/zur AssistentIn. In den ersten Tagen hat das Kind, durch die Sicherheit Ihrer Anwesenheit, die Möglichkeit, positiven Kontakt zu den neuen Bezugspersonen aufzubauen, die Personen kennenzulernen, sie zu erleben, hören und zu „begreifen“. Zu Beginn ist der/die PädagogIn und der/die AssistentIn eine Fremde für Ihr Kind, nach einer erfolgreichen Eingewöhnung werden diese Personen Vertraute für Ihr Mädchen/Ihren Buben, sie werden BegleiterInnen in einer wichtigen Phase des Lebens Ihres Kindes sein.

„Tschüss“, „bis bald“ und „hallo“

Trennungsversuche üben

Eingewöhnung beginnt nicht am ersten Tag im Kindergarten/in der Krippe. Eine gute Vorbereitung beginnt schon viele Wochen zuvor. Z.B. sollte Ihr Kind vor Beginn der Eingewöhnung einige „erfolgreiche“ Trennungs-situationen erlebt haben. Ein Nachmittag bei der Oma, eine Stunde alleine beim Babysitter, eine Freundin, die auf Ihre Tochter/Ihren Sohn für einige Stunden aufgepasst hat… all diese Erfahrungen bringt Ihr Kind dann schon in den Kindergarten mit. Hat es noch keine Trennungen von Ihnen erlebt oder hat schon negative Trennungen erfahren müssen, wird es notwendig sein, einen längeren Zeitraum für die Eingewöhnung einzuplanen.

Kinder dürfen weinen

Trennung von der geliebten Mama, vom geliebten Papa schmerzt. Wenn Sie zu Beginn des Eingewöhnungsprozesses das erste Mal den Raum verlassen, kann es sein, dass Ihr Kind weint oder schreit. Dies ist in Anbetracht des großen Entwicklungsschritts, den Ihr Kind nun gehen muss, völlig normal und in Ordnung. Wichtig: Es muss sich in kürzester Zeit von dem/der PädagogIn oder dem/der AssistentIn trösten lassen und nach einiger Zeit beruhigt mit dem Spiel beginnen und sich ablenken lassen. Diese Trauer Ihres Kindes wird auch Sie berühren. Umso wichtiger ist es, dass Sie der Einrichtung Vertrauen und den Pädagoginnen und AssistentInnen ein Wohlwollen entgegenbringen.

Wie kann Vertrauen entstehen? Elternerstgesprächsbogen

Der erste Schritt ist das „Erstgespräch“ mit dem zuständigen Pädagogen/der zuständigen Pädagogin Ihres Kindes. Er/Sie wird mit Ihnen an Hand unseres „Elternerstgesprächsbogens“ über die Gewohnheiten Ihres Kindes, die Lieblingstätigkeiten, Entwicklungsschritte aber auch über Ihre offenen Fragen sprechen. Die Informationen tragen dazu bei, Ihr Kind besser kennen zu lernen und werden selbstverständlich vertraulich behandelt.

Wichtige Maßnahmen vor dem ersten Kindergartenbesuch

Im Mai oder Juni findet in Ihrem Kindergarten ein Informationselternabend statt. Bitte nehmen Sie daran teil. Einige offene Fragen sowie Befürchtungen können an diesem Abend geklärt bzw. ausgesprochen werden. Spätestens bei dieser Gelegenheit können Sie einen Schnuppertag für Ihr Kind und für Sie vereinbaren. Je nach Möglichkeit des jeweiligen Hauses wird dies ein Nachmittag oder einige Stunden im Sommerbetrieb sein. In diesen Stunden können Sie mit Ihrem Kind in der Gruppe spielen und andere Eltern und deren Kinder kennenlernen. Sie werden auch die Möglichkeit haben, mit dem/der PädagogIn und dem/der AssistentIn zu sprechen und Fragen zu stellen.
Tipp
Sie können mit Ihrem Kind auch schon zu Hause Bilderbücher zu dem Thema Kindergarten anschauen, den Weg zur Einrichtung abgehen, eventuell andere Kinder nach Hause einladen, die auch den Kindergarten besuchen werden. Solche Aktionen ermöglichen dem Kind ein sanftes Herantasten an das Thema Kindergarten.

Gestaffelte Eingewöhnung

Um für jedes neu beginnende Kind individuell Zeit zu haben, finden bei uns gestaffelte Eingewöhnungszeiten statt. Das bedeutet, Sie besprechen mit Ihrem/Ihrer PädagogIn, dem/der LeiterIn, wann es für Sie ideal ist, das erste Mal mit dem Kind in den Kindergarten zu kommen. Dies kann noch im August sein, in den ersten Kindergartentagen oder auch erst Mitte September. Es wird nach Möglichkeit Rücksicht auf Ihren Arbeitsbeginn genommen. Sie sollten jedoch nach dem ersten Tag kontinuierlich den Kindergarten besuchen und z.B. nicht in der zweiten Woche auf Urlaub fahren. Planen Sie für die Eingewöhnung mindestens einen Monat Zeit ein. Dieser Monat sollte vor Ihrem Eintritt ins Arbeitsleben geplant sein. Oder bitten Sie die Oma/den Opa oder eine vertraute Bezugsperson, sich die Zeit zu nehmen.

Warum sind richtige Trennungsversuche wichtig?

Trennungssituationen und Übergänge werden „gespeichert“. Erlebtes wird bei jeder weiteren Übergangssituation hervorgeholt und negative Erfahrungen können das Kind z.B. beim Eintritt in die Schule „einholen“. Trennen bedeutet für ein junges Kind: Verlassen werden! Kein 18 Monate altes Kind versteht es, wenn die Bezugsperson erklärt: „Ich komme gleich wieder, in fünf Minuten bin ich wieder da.“ Der Zeitbegriff von später, gleich, fünf Minuten etc. wird noch nicht verstanden, kann kognitiv noch nicht eingeordnet werden. Dies muss ERLEBT werden! Die Bezugsperson geht, und kommt nach einer für das Kind absehbaren Zeit wieder und nimmt es wieder mit nach Hause. Dies ist zu Beginn nach fünf Minuten, 30 Minuten, 1,5 Stunden, bis zu einem Vormittag nach zwei Wochen Eingewöhnungszeit. Das Kind hat Zeit, sich an Trennung, den Schmerz, das Abgeholt Werden, die Freude… zu gewöhnen. Es wird dieses Wechselspiel gewohnt, kann es erleben und in weiterer Folge mitbestimmen.

Die ersten drei Tage: Für Ihr Kind „da sein“!

Ihre Anwesenheit in den ersten Tagen ist unbedingt notwendig: Nur Sie oder eine vertraute Bezugsperson können Ihrem Kind in der ersten Zeit durch Ihre Anwesenheit in der neuen Umgebung die Sicherheit geben, die es für seine Eingewöhnung braucht. Rechnen Sie an den ersten drei Tagen mit maximal einer Besuchsstunde. Bleiben Sie in dieser Zeit bei Ihrem Kind, führen Sie keine Trennungssituationen herbei. Nehmen Sie Ihr Kind mit, wenn Sie den Raum verlassen. Ihr Kind wird Sie in den ersten Tagen brauchen. Sie müssen gar nicht viel tun. Ihre bloße Anwesenheit im Raum genügt, um für Ihr Kind eine sichere Basis zu schaffen, in der es sich jederzeit zurückziehen kann, wenn es sich überfordert fühlt. Setzen Sie sich so an den Rand des Gruppenraumes, dass Sie von Ihrem Kind gesehen werden. Spielen Sie auf keinen Fall mit Ihrem Kind, sondern beobachten Sie Ihr Kind und freuen sich mit Ihm, wenn es seine Ausflüge „in die neue Welt“ macht. Lesen, telefonieren oder beschäftigen Sie sich auf keinen Fall mit Dingen, die ablenken. Drängen Sie Ihr Kind zu keinem Verhalten, und nehmen Sie auch aktiv keinen Kontakt zu den anderen Kindern in der Gruppe auf.

Warum soll ich mich so verhalten?

Wenn Sie sich in dieser Phase aktiv mit Ihrem Kind beschäftigen würden, ein Buch vorlesen, ein Spiel spielen, durch den Raum gehen, nehmen Sie Ihrem Kind die Möglichkeit, Kontakt mit den neuen Bezugspersonen aufzubauen. Sie dringen in die Welt des/der PädagogIn ein und verlangsamen den Eingewöhnungsprozess. Am Schnuppertag haben Sie die Möglichkeit, aktiv mit Ihrem Kind zu spielen und den Raum zu erkunden. Bewegt sich Ihr Kind in der ersten Woche nie von Ihnen weg, sollten Sie ihm einfach länger Zeit lassen, um zu beobachten. Besprechen Sie mit dem/der PädagogIn die nächsten Schritte.

Eltern haben Vorbildwirkung

Als Mutter/als Vater haben Sie einen sehr großen Einfluss auf Ihr Kind. Wenn Sie freundlich und interessiert mit dem/der PädagogIn sprechen, wird Ihr Kind es bemerken und entspannt an die neue Situation herangehen. Es spürt, Sie sind mit der Situation zufrieden und bringen der Einrichtung Vertrauen entgegen. Darum ist es überaus wichtig, bereits vor der Eingewöhnung über offene Fragen und Ängste zu sprechen, und nicht erst während der ersten Tage.

Erste Trennungsschritte

In den ersten drei Tagen sollten Sie auf keinen Fall Trennungsversuche machen. Die ersten drei Tage spielen für die Eingewöhnung des Kindes eine besonders wichtige Rolle und dürfen nicht durch eine vorzeitige Trennung belastet werden. Eine erste, kurze Trennung können Sie am vierten Tag (niemals an einem Montag!) versuchen. Gehen Sie bitte nicht aus dem Raum, ohne sich von Ihrem Kind zu verabschieden. Sie setzen das Vertrauen Ihres Kindes aufs Spiel und müssen damit rechnen, dass Sie Ihr Kind nach dieser Erfahrung nicht aus den Augen lässt oder sich „vorsichtshalber“ an Sie klammert, um Ihr unbemerktes Verschwinden zu verhindern. Wenn Sie sich verabschieden, kann es sein, dass Ihr Kind weint oder auf andere Weise versucht, Sie zum Bleiben zu bewegen bzw. mitgenommen werden will. Es ist das gute Recht des Kindes zu versuchen, eine geliebte Person zu veranlassen, bei ihm zu bleiben. Verlassen Sie für einige Minuten den Raum, aber nicht den Kindergarten, und warten Sie die Reaktion Ihres Kindes ab. Lässt es sich von dem/der PädagogIn durch Spielangebote ablenken, können Sie sich an den darauf folgenden Tagen für allmählich längere Zeiten von Ihrem Kind verabschieden. Weint Ihr Kind wenn Sie den Raum verlassen, gehen Sie trotzdem hinaus,bleiben aber bitte in unmittelbarer Nähe. Wenn der/die PädagogIn Ihr Kind nicht innerhalb von wenigen Augenblicken beruhigen kann, werden Sie wieder geholt.

Die richtige Abholsituation

Kommen Sie wieder in die Gruppe zurück und holen Sie Ihr Kind ab. Gehen Sie danach nicht noch einmal in die Gruppe, auch wenn Ihr Kind das möchte, sondern gehen Sie nach Hause. So wird Ihr Kind mit der Situation des Abholens vertraut. Es wird sich beim Ankommen am nächsten Tag erinnern, dass es abgeholt wurde und versteht allmählich, was es bedeutet wenn Sie z.B. sagen: „Ich hole dich nach der Jause ab“. Ein bedeutender Lernschritt für Ihr Kind.

Abschluss der Eingewöhnungszeit

Die Eingewöhnungszeit ist abgeschlossen, wenn der/die PädagogIn Ihr Kind im Ernstfall trösten kann. Das muss nicht heißen, dass Ihr Kind nicht mehr weint, wenn Sie sich nach dem Bringen von ihm verabschieden. Es drückt damit aus, dass es traurig ist, wenn Sie gehen, und das ist sein gutes Recht. Es wird sich jedoch nach Abschluss der Eingewöhnungszeit von dem/der PädagogIn beruhigen lassen, wenn Sie gegangen sind. Wenn es Ihnen möglich ist, sollten Sie Ihr Kind zumindest in den ersten Wochen nur halbtags bringen. Bedenken Sie, dass Ihr Kind auch bei einer gut verlaufenden Eingewöhnungszeit all seine Kraft und sein Können braucht, um sich mit den neuen Verhältnissen vertraut zu machen. Eine Ganztagsbetreuung von Anfang an erschwert Ihrem Kind diese Aufgabe.

Wann sollte die Eingewöhnung nicht stattfinden?

Die Eingewöhnungszeit sollte nicht mit anderen Veränderungen in der Familie (wie z.B. Geburt eines Geschwisterkindes, Umzug der Familie oder ähnliche Ereignisse) zusammenfallen. Das könnte Ihr Kind überfordern. Verschieben Sie die Eingewöhnungszeit bei Erkrankung Ihres Kindes. Erkrankungen (auch scheinbar geringfügige, wie z.B. Erkältungen) beeinträchtigen das Interesse und die Fähigkeit des Kindes, sich mit der neuen Umgebung auseinanderzusetzen. Steht schon vor Beginn der Eingewöhnung fest, dass es in Kürze zu einer Betreuungsunterbrechung kommen wird (Urlaub, geplanter Krankenhausaufenthalt, etc.) sollte die Eingewöhnung erst danach begonnen werden. „Montags nie“ heißt die Devise für alle neuen Aktivitäten im Rahmen der Eingewöhnung. Dies gilt besonders für das erste Mal Schlafen im Kindergarten und das erste Alleinbleiben Ihres Kindes in der neuen Umgebung. Kindern fällt es am Wochenbeginn besonders schwer, sich wieder in der noch nicht hinreichend vertrauten Umgebung zurecht zu finden, nachdem sie ein Wochenende zu Hause mit den Eltern verbracht haben.

Zusammenfassung

1. bis 3. Tag

Bleiben Sie mit Ihrem Kind maximal eine Stunde in der Gruppe! Keine Trennungen!

4. Tag

Erste kurze Trennung (maximal 15 Minuten). Verabschieden Sie sich von Ihrem Kind, dann verlassen Sie den Raum, bleiben aber in der unmittelbaren Nähe. Beruhigt sich Ihr Kind nach kurzer Zeit nicht, werden Sie sofort zurückgeholt.
Die nächste Trennung erfolgt in diesem Fall erst wieder nach 2 bis 3 Tagen. Hat sich Ihr Kind beruhigen lassen, kann die Trennung in den nächsten Tagen ausgedehnt werden.

2. bis 3. Woche

Auch wenn Ihr Kind in der 2. Woche ohne größere Probleme alleine in der Krippe bleibt, sollten Sie es spätestens nach dem Mittagessen abholen. Wenn Ihr Kind die bisherigen Trennungen gut verkraftet, kann die Zeit nach dem Mittagessen ausgedehnt werden. Nach Absprache mit Ihnen werden Situationen, wie z.B. das Schlafen, den Bedürfnissen Ihres Kindes entsprechend gehandhabt. In dieser Zeit müssen Sie gut erreichbar sein und, wenn erforderlich, Ihr Kind abholen können.
Mögliche Erleichterungen der Trennungssituationen
Falls Ihr Kind besondere Schwierigkeiten hat sich von einem der beiden Eltern zu trennen, könnte es sinnvoll sein, dass der andere Elternteil das Kind in der Eingewöhnungszeit begleitet. Es ist durchaus möglich, dass sich ein Kind in Begleitung des Vaters leichter in die neue Umgebung eingewöhnt als mit seiner Mutter (oder umgekehrt).
Tipp
Lassen Sie in der ersten Zeit einen persönlichen Gegenstand von Ihnen in der Gruppe zurück. Eine Jacke, Ihre Tasche etc., so hat Ihr Kind, wenn Sie sich verabschieden und hinausgehen einen „Anker“, es weiß, Sie kommen wieder. Führen Sie Rituale beim Verabschieden ein, z.B.: Lassen Sie Ihr Kind wie ein Flugzeug zum/zur Pädagogin fliegen oder Sie winken noch einmal beim Fenster etc.

Unnötige Verzögerungen vermeiden

Auch wenn es Ihnen schwer fällt: Halten Sie bitte Ihren Abschied kurz und ziehen Sie ihn nicht unnötig in die Länge. Sie würden Ihr Kind mit einem solchen Verhalten nur belasten. Kinder reagieren auf einen kurzen Abschied meist mit weniger Stress.

Individuelle Lösungen finden

Seien Sie nicht vom Kind, vom Kindergarten oder von sich selbst enttäuscht, wenn die Eingewöhnung länger dauert. Keine/r der Beteiligten hat „Schuld“, mit Verlässlichkeit und Geduld werden Sie gemeinsam an das Ziel kommen. Manchmal muss man noch einmal einen Schritt zurückgehen, um sicherer voranzukommen. In der Bildungspartnerschaft „Eltern, Kind, PädagogIn“ werden die Lösungen gefunden und die Möglichkeiten eröffnet, die Ihr Kind im Moment benötigt. Und so kann die eine Eingewöhnung länger, und die andere kürzer dauern… und gut gelingen!